Nicht im Buch: Der Kripobeamte war ungefähr in Christines Alter. Er
hatte braune Augen, die jedes von Christines Worten gutmeinend zu
kommentieren schienen, und um seine Lippen spielte manchmal ein
Lächeln. Doch seine Fragen waren ernst und immer wieder kam er darauf
zu sprechen, dass alle Beteiligten – Christine, Erik und das Opfer Bert
Gernsheim – bereits Stunden vor dem Mord Alkohol getrunken hatten. “Nicht,
dass die Promille-Werte beachtlich sind, aber bei wärmeren Temperaturen
und einem kontinuierlichen Alkoholgenuss können auch kleinere Mengen
enthemmend wirken und zu Kurzschlussreaktionen führen.” Christine
hatte mit ansehen müssen, wie Bert Gernsheim nach der aufgeregten Spurensuche von Einsatzteams im Sarg aus seinem Laden getragen worden
war. Eigentlich hatte sie sofort gewusst, dass er tot ist – in dem
Moment, als sie ihn mit der klaffenden Wunde an seinem Probiertisch
sitzen sah. Jemand hatte äußerst wirkungsvoll zugeschlagen.
Der Schmerz über seine Ermordung war wie ein fernes Klagen, das nah an ihr Ohr kam, sobald sie ihm Aufmerksamkeit schenkte. Oder wie ein Raubtier, das auf die
Gelegenheit zum Sprung lauerte. “Sie haben ja selbst angegeben”, erklärte der Beamte,
“dass Sie seit den Mittagsstunden gemeinsam alkoholische Getränke
konsumiert haben.” Christine hatte schon am Tatort zahllose Angaben
gemacht. Man hatte sie und Erik danach zum Kommissariat gebracht, wo
ein schriftliches Protokoll aufgenommen wurde, welches der Beamte nun
mit ihr studierte. “Wir haben keine alkoholischen Getränke
konsumiert”, erwiderte Christine erschöpft und zum ersten Mal stieg
Ärger in ihr auf. “Wir waren auf einer Weinprobe, aus professionellen
Gründen. Dort wird der Wein zum größten Teil nur geschmeckt, aber nicht
getrunken, sondern in spezielle Behälter gespuckt. Trotzdem gerät über
die Schleimhäute etwas Alkohol in den Blutkreislauf. Natürlich trinkt
man auch mal einen Schluck, aber was soll das? Ich will alles dafür
tun, das Verbrechen an meinem Freund aufzuklären, aber Ihre
Verdächtigungen und Spekulationen führen zu nichts.” “Bitte nichts
falsch verstehen!” Er setzte eine untröstliche Miene auf. “Sie sind Journalistin und kennen das.
Man muss alles wissen, in alle Richtungen recherchieren ohne ein
vorgefasstes Urteil. Dann hat man die Grundlage, um…” “Dann sagen
Sie mir, ob Sie noch etwas fragen wollen, was ich noch nicht
beantwortet habe.” Er
blickte tief in ihre Augen. Eine Sekunde, zwei Sekunden. Plötzlich
schob er die Papiere vor sich zusammen und stand auf. “Nein, ich denke,
wir können erst einmal aufhören. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen
haben und für weitere Ermittlungen zur Verfügung stehen.” Der Mann reichte ihr zum Abschied nicht die Hand. Christine war dankbar dafür und fragte nach Erik. “Ihr Begleiter hat das Kommissariat schon vor geraumer Zeit verlassen.” Sie hätte es sich denken können: Erik hatte weit früher als sie den
Vernehmungen ein Ende gesetzt. Ob sie sich einen Anwalt nehmen mussten?
Es war kaum zu fassen, sich an diesem entsetzlichen Tag auch noch gegen die Spekulationen wehren zu müssen, für Gernsheims Tod
verantwortlich zu sein. Ihn während eines alkoholisierten Streits aus
welchen Motiven auch immer erschlagen zu haben. Ein älterer
Beamter im Anzug wollte ihr den Vortritt in einen geöffneten Fahrstuhl
lassen. Christine schüttelte den Kopf und nahm die Treppe. Als
sie
unten im Parterre am Wachpersonal vorüberging, fürchtete sie, jeden
Moment zurückgehalten und erneut befragt zu werden. Nichts passierte.
Erleichtert trat sie ins Freie. Dunkle, nächtliche Wärme wehte in ihr
Gesicht. Wenn Bert Gernsheim noch gelebt hätte… dann würden sie in
dieser
Minute vielleicht im Hintergarten seines Weingeschäfts sitzen. “ Die
Flasche muss ich euch noch zeigen!” – die häufig von ihm benutzte
Wendung klang in ihrem Ohr. Er sagte immer “zeigen”, wenn er
“einschenken” meinte. Um dann einen Rotwein von der Côtes du Rhône oder
aus Sizilien zu öffnen, der wahrscheinlich noch in keinem Weinbuch oder
Hochglanzmagazin aufgetaucht war und in Berts Kofferraum über
hunderte Kilometer den Weg nach Hamburg zurückgelegt hatte, um jetzt
vor Christines und Eriks Augen entkorkt zu werden. Das wäre in dieser
Minute passiert. Christine ging ein paar Schritte auf die immer noch
stark befahrene Straße zu. Jetzt hatte das Raubtier zugepackt. Tränen
flossen aus ihren Augen. Der laue Wind trieb Haarsträhnen in ihr
Gesicht und einige blieben an ihren nassen Wangen kleben. Christine
hatte nicht die Energie, sich von ihnen zu befreien. Verdammt, er war
wirklich tot – es schien, als sei er noch so nah, dass sie die Hand
nach ihm ausstrecken konnte. Doch die Welt entstand in diesem Moment
neu als eine, zu der Bert Gernsheim nicht gehörte. Sie
nutzte eine
Lücke zwischen den unentwegt heranschießenden Schweinwerferstrahlen und
lief auf die vierspurige Straße. Auf der anderen Seite löste sich
eine Gestalt aus dem Dunkel der Bäume. Ein Beutel pendelte in ihrer
Hand und nun waren Eriks schlaksiger Körper und sein schmales Gesicht
zu erkennen. Als Christine die Straße überquert hatte, nahm er sie in den Arm. “Du hast auf mich gewartet?” “Natürlich.” Arm
in Arm liefen sie entlang der Straße, bis sie in eine ruhigere
Wohngegend abbogen. Viele Fenster waren noch erhellt. Von Balkonen
schallten die Stimmen von Paaren, die sich mit gedämpften Stimmen
unterhielten. Gläser klirrten und manchmal waren ausgelassene Rufe zu
hören. Nachtschwärmende Fahrradfahrer zogen an Christine und Erik
vorbei. Die beiden hatten kein Ziel, gingen einfach immer nur weiter. “Die
Polizei hat schon recht, wenn sie uns verdächtigt”, sagte Erik. “Wir
haben zusammen mit Bert die Weinmesse verlassen und betraten kurz
darauf sein Geschäft. Nur während eines ganz kurzen Zeitraums wollen
wir von ihm getrennt gewesen sein. Und ausgerechnet da geschah der
Mord. Stimmt zwar, wirkt aber unglaubwürdig.” Eine U-Bahn raste auf
einer von Stahlverstrebungen getragenen Brücke über ihre Köpfe hinweg
und erinnerte Christine an ein wichtiges Detail. Sie wartete mit ihrer
Antwort, bis sie ihre Schritte wieder hören konnte. “Ich habe den
Beamten mein U-Bahn-Ticket gegeben. Es beweist, dass wir verschiedene
Züge genommen haben.” “Ich habe keines gelöst und Bert besitzt
sicher so etwas wie eine Monatskarte. Außerdem, versetze dich mal in
die Köpfe der Kripo: Warum brechen wir zusammen mit Bert zu seinem
Laden auf, nehmen aber unterschiedliche U-Bahnen? Ist doch absurd.
Außer, wenn wir absichtlich seine verpassten, um ein Alibi zu
fingieren.” “Oder außer, wenn man die Wahrheit weiß: Wir
unterhielten uns über etwas Wichtiges und waren zu abgelenkt, um
rechtzeitig in den Zug zu springen!” Wenn sie gemeinsam mit Bert
abgefahren wären, würde er jetzt noch leben, schoss es Christine durch
den Kopf. Eine Flasche Eiswein war schuld an seinem Tod. Sie
schaute in Eriks angegriffenes, schwitzendes Gesicht. Bartstoppel
sprossen um Kinn und Mund, seine Augenlider klappten schwer auf und zu.
Heute Mittag, als sie die Messehallen betraten, erinnerte er an einen
jungen, hoffnungsvollen Künstler, der lächelnd, aber mit gebührendem
Ernst eine Vernissage betritt. Nie erweckte er den Eindruck, sich in
bewundernden Blicken zu sonnen. Er benahm sich wie ein Gentleman und
kümmerte sich ausschließlich um Christine, obwohl sie ihm Flirts nicht
übel genommen hätte. Jetzt machte Erik einen sonderbar verwilderten
Eindruck. Seine Jeans und die Khaki-Jacke, die ihm vor Stunden eine
lässige Ausstrahlung verliehen hatte, wirkten alt und zerknittert. “Was
ist los?”, fragte Erik, da sie ihren Blick nicht abwandte. “Hoffst du,
ich fange an zu heulen? Das habe ich schon längst. Und ich habe mir
geschworen, es kein weiteres Mal zu tun.” Seine Stimme bekam einen
hellen Tonfall, den Christine noch nie bei ihm gehört hatte. Vielleicht
hatte er als Kind einmal so gesprochen. “Und warum tust du es nicht?” “Die Heulerei hilft nur dabei, die Sache abzuhaken, damit alles weitergehen kann wie bisher. Das will ich nicht.” Auf
die U-Bahnbrücke folgte eine Straße mit kleinen noblen Geschäften,
Mittagsrestaurants für die Angestellten der nahen Bürohäuser und
Arztpraxen. Sie alle waren zu dieser Stunde geschlossen. Das Licht der
Straßenlaternen schimmerte auf den Schaufenstern mit Taschen und
Tüchern, Schuhen, Handys, Büchern und Lampen, die jetzt, wo man sie
nicht kaufen konnte, wie Ausstellungsstücke in einem Museum erschienen.
“Und was willst du?”, fragte Christine. Er zuckte mit den
Achseln. “Dass der Mörder gefasst wird. Ich wurde von einer hübschen
Blondine verhört. Sie mochte mich und glaubt nicht, dass ich ein Mörder
bin.” “Und?” “Man hat uns deshalb so lange festgehalten und immer
wieder vernommen, weil in derselben Zeit die Spurensicherung nach
Hinweisen gegen uns suchte. Bei Erfolg hätte man uns gleich in U-Haft
abführen können. Ich wette, die werden noch die ganze Woche unsere
Fingerabdrücke mit irgendwelchen Gegenständen in Berts Laden vergleichen, die als Mordwaffe infrage kommen.” Es hatte im
Kommissariat Situationen gegeben, in denen Christine tatsächlich
fürchtete, die Nacht in Haft verbringen zu müssen. Sie verwarf die
Möglichkeit jedes Mal schnell wieder, da sie sich einen derart groben
Irrtum der Polizei nicht vorstellen konnte. Doch die hartnäckigen
Vernehmungen schürten ihre Sorge, in einer Welt mit schwer
nachvollziehbaren Regeln gelandet zu sein. “Die Frau deutete an,
dass wir solange beobachtet werden, bis sie den Mörder gefunden haben.
Verstehst du? Solange sie keine Spur vom wirklichen Täter haben, sind
wir die einzig möglichen Mörder.” Christine seufzte. “Und welches Motiv sollen wir haben?” “An
denen besteht kein Mangel! Zum Beispiel können wir eine
Dreiecksbeziehung gepflegt haben, bei der dann die Eifersucht
durchbrach. Oder es ging um finanzielle Streitigkeiten – soll ja
vorkommen in der Welt des Weins. Vielleicht war es lediglich Totschlag
– jeder kann sich vorstellen, dass sich ein Weinhändler und eine
Weinjournalistin in die Haare kriegen.” “Hör auf.” Das Ende der
Straße, die sich zum Rathausmarkt hin öffnete, kam in den Blick. An der
gegenüberliegenden Seite des Platzes standen Pavillons, in denen
tagsüber Snacks und Getränke verkauft wurden. Dahinter gab es eine
Station für die Nachtbusse. Wäre es nicht besser einen zu nehmen?,
überlegte Christine. Der Weg nach Hause war noch lang. An der
Haltestelle stand kein Mensch, nur ein unbeleuchteter Bus parkte dort.
Christine und Erik gingen direkt auf ihn zu, und dann, wie von einer
unsichtbaren Hand geführt, an ihm vorbei. In der dritten Reihe des
Gefährts war der Körper eines Mannes zu erkennen gewesen, der sich auf
der Sitzbank ausgestreckt hatte. Sie ließen den Platz hinter
sich und schon breitete sich die Binnenalster vor ihnen aus: Ein von
herrschaftlichen Gebäuden gesäumtes Flussbecken, das aussah wie ein
See. Nach Norden begrenzt von einer Brücke, hinter der sich ein
zweites, noch weit größeres Flussbecken namens Außenalster anschloss.
Irgendwo westlich vom Ende dieses zweiten Sees wohnte Christine. Ihre
Wohnung lag noch verdammt weit weg. “Sag mal, dürfen die Fahrer der Hamburger Verkehrsbetriebe in ihren Bussen schlafen?”, fragte sie. “Das
war ein Bulle. Du wirst dich daran gewöhnen müssen. So lange sie im
Dunklen tappen, werden sie von der Tat eines Kleinkriminellen
sprechen. Eines Junkies ohne festen Wohnsitz, den Kommissar Zufall
früher oder später erwischt. Doch sie glauben nicht daran.” “Und was glaubst du?” “Ich habe keine Ahnung, wer Bert umgebracht hat.” Am
Lessing-Denkmal brauste ein Taxi mit überhöhter Geschwindigkeit
vorbei. Christine hob den Arm, der Wagen stoppte und sie sprangen
hinein. Als das Taxi vor ihrer Wohnung parkte, küsste sie Erik auf die
Wange und sagte: “Ich rufe dich morgen an.” Christine hatte ihre
Wohnung vor zwei Jahren nach einer Trennung gemietet. Sie war damals
froh, auf die Schnelle etwas zu finden. Obwohl sie sich etwas Größeres
leisten konnte, mochte sie sich nicht zum Auszug entschließen. Die
Umgebung bestand aus einem unordentlichen Durcheinander hübscher,
100-jähriger Bürgerhäuser, riesiger Ausfallstraßen, Tankstellen und
Hochhäuser. Sie wohnte in einem schlichten Backsteinbau aus den 50er
Jahren, von dem aus Parks, Lokale und Geschäfte gut zu erreichen waren.
Viele Studenten lebten hier. Das Treppenhaus war in einem
schmutzabweisenden cremigen Weiß gestrichen, das bei künstlicher
Beleuchtung ölig glänzte. Auf den Steinstufen mit ihrem Dekor aus
wirren Punkten hallten die Schritte laut, kühl und sauber durch das
Haus. Auch wenn ein Mieter seine schwere Tür aufschloss, waren viele
Nachbarn mit den Ohren bei ihm. Christines Wohnung war aufgeräumt, denn sie hatte einige Stunden am Sonnabend und sogar noch
einen Teil des Sonntags vor den Weinproben fällige Arbeiten erledigt.
In Vorfreude auf die Weinmesse war das Saugen, Staubwischen und
Bücherordnen leichter gefallen als sonst. In der Küche stand aber noch
der halbgeleerte Kaffeebecher vom Morgen. Christine hängte ihre
Jacke an die Garderobe in der Diele, nahm mechanisch mitgebrachtes
Prospektmaterial von Weingütern aus ihrer Tasche und beobachtete sich
dabei wie in einem Trancezustand. Wenige Schritte führten sie vom
Parkettboden in der Diele zum PVC-Belag in der Küche, sie warf ein
gebrauchtes Papiertaschentuch in den Mülleimer, leerte den Kaffeebecher
in der Spüle aus und nahm eine in Seidenpapier gehüllte Flasche vom
Regal. Bert Gernsheim hatte sie Christine am ersten Tag der Weinmesse
überreicht. “Habe ich von der Mosel mitgebracht”, sagte er. “Noch
jung und ein Prototyp. Deine Meinung würde mich interessieren.” An
den ersten beiden Tagen hatte Christine an der Weinmesse jeweils nur
für zwei Stunden teilnehmen können, weil sie tagsüber arbeiten musste.
In der Redaktion ging es hektisch zu, einmal wieder sollten Neuerungen
und Umstrukturierungen vorgenommen werden, hinzu kamen technische
Probleme mit neuen Computersystemen. Christine hatte die Flasche abends
irgendwo abgestellt und erinnerte sich jetzt erst wieder an sie. Sie
heute zu öffnen, da Berts gerade erst lebloser Körper in einem
Kühlhaus auf die Obduktion wartete, hatte etwas Abgeschmacktes,
geradezu Abstoßendes. Und wahrscheinlich würde Christine dabei nur noch
tiefer in Erinnerungen und Verzweiflung versinken. Doch sie wollte die
Flasche öffnen. Christine nahm sie aus ihrer Umhüllung, packte
sie
am Hals, legte sie in die Fläche der anderen Hand und wog sie
bedächtig. Es war ein Rotwein! Hinweise auf seinen Erzeuger oder die
Rebsorte gab es nicht. Nur ein handbeschriebenes Klebetikett, auf dem
stand "Moselblut". Es konnte sich um Bert Gernsheims Schrift handeln,
doch Christine war sich nicht sicher. Bert Gernsheim hatte ihr oft
schon Weine von der Mosel angeboten. Häufig am Ende von gemeinsamen
Essen oder Verkostungen, um den Abend ausklingen zu lassen. Immer waren
es Weißweine. Meist Auslesen oder Beerenauslesen, die von besonders
reifen Reben stammten. Ihre Farbe schimmerte wie Gold aus einem
Märchenschatz, ihre Fruchtaromen und verführerische Süße überwältigten
den Gaumen. Es handelte sich um Desserts. Wenn Bert Gernsheim erklärte,
auf welchem Boden die Reben gewachsen, welchem Wetter sie ausgesetzt
waren und wie der aus ihnen gewonnene Wein über Jahre seine Aromen
ausgeprägt hatte, glaubte Christine, vorsintflutliche Gesteinsschichten
und paradiesische Gärten voller Blumen und Früchte auf der Zunge zu
schmecken. Damit hatte sie kein Problem. Doch in der Regel schätzte sie Weine, die richtig trocken waren – wie die französischen.
Manche Experten meinten, Moselweine in Vollendung müssten immer eine
gewisse Süße haben. Ihre Reben wurzelten tief in Schieferhängen. Sie
waren intensiver Sonne ebenso wie kühler Feuchtigkeit ausgesetzt und
brachten raffinierte und feine Weine hervor. Mit einer lebhaften und
für manche Geschmäcker zu strengen Säure, die angeblich den Zucker als
Puffer brauchte. Wenn dem so war, hatte Christine Pech. Oder musste
dazulernen. Glatt wie Butter ließ sich der Korken mit dem
Kellnermesser aus der Flasche ziehen. Christine ließ den Wein in ein
kleines Burgunderglas strömen und bereute dies, als sie die satte,
tiefdunkle Farbe sah. Anscheinend benötigte dieser Wein ein weit
größeres Glas. Rotwein durfte erst seit einigen Jahren an der Mosel
angebaut werden: Roter Spätburgunder, der auch Blauburgunder oder Pinot
Noir genannt wurde, und der unwichtigere Dornfelder. Aber nur ein
Bruchteil der Mosel war mit diesen Sorten bestückt. Früher sahen die
Spätburgunder ziemlich hell aus. Ihr Stil hatte sich in der letzten
Zeit geändert, doch das Dunkelrot von Berts Wein passte eher zu einem
französischen Cabernet. In seinem Duft lag etwas Schweres,
Verschlossenes und als Christine probierte, ähnelte der Geschmack dem
Aroma fester, frisch gepflückter Kirschen. Dies sollte ein
Spätburgunder sein? Der erinnerte Chirstine sonst mehr an Beeren aus
dem Wald. Aber in solchen Fragen konnte man sich leicht täuschen. Die
meisten Aromen auf der Zunge wurden in Wahrheit ja gerochen. Und die
Nase war ein Künstler, der unendliche Assoziationen, Erinnerungen und
Einbildungen mischen konnte… Der Wein schmeckte gut, aber noch
unreif und würde sich besser entfalten, wenn sie ihn einige Zeit an
der Luft stehen ließ. Was hatte sich Bert dabei gedacht? Die Flasche
gab keinerlei Aufschluss über ihre Herkunft und so untersuchte sie den
Korken. Immerhin, hier fanden sich zwei Buchstaben: WM. Vorsichtig
drehte sie das einzige Indiz, das ihr vielleicht einmal Aufschluss
geben konnte, aus dem Korkenzieher. Sie wickelte den Korken in ein
Stück Küchenpapier und legte ihn hinter ihre Kaffeedose. Dort würde sie
ihn leicht wiederfinden. Aus der Nachbarwohnung waren die Schreie
eines Babys zu hören, das in diesem Moment aufgewacht sein musste.
Christines Küchenuhr zeigte 2 Uhr früh an. Sie spitzte die Ohren und
hörte die begütigende Stimme der Mutter. Manchmal unterhielt sie sich
im Hausflur mit der jungen Frau, die den Vater ihres Kindes wegen
irgendwelcher Streitigkeiten aus der Wohnung geworfen hatte. Doch er
besuchte Mutter und Kind fast jeden Tag. Vielleicht würde die kleine
Familie ja wieder zusammenkommen. Eines war sicher, der Wein in
ihrem Glas kam von der Mosel und Bert hatte seine Gründe, wenn er keine
weiteren Angaben darüber gemacht hatte. Er stammte von einem der
steilen Hänge am breiten, verschlungenen Fluss, der das Sonnenlicht auf
einige der besten Weinlagen der Welt warf. Die hatte Bert trotz seiner
Reisen in Anbaugebiete auf dem ganzen Globus anscheinend am meisten
geliebt. Christine griff noch einmal nach dem Glas, während ihre
Augen feucht wurden. Sie trank es in einem Zug aus und machte wegen der
harten, den Gaumen zusammenziehenden Gerbstoffe eine unfreiwillige
Grimasse. Dann ließ sie alles stehen und liegen und warf sich in ihrem
Schlafzimmer aufs Bett. Christine hatte sich vorgenommen, um zehn
Uhr morgens, wenn ihre Kollegen in die Redaktion strömten, dort
anzurufen, um Urlaub zu nehmen. Doch es kam anders. Zuerst spürte sie
warmes Licht auf ihrem Gesicht, dann erschrak sie wegen der
ungewöhnlichen Helligkeit. Sie fuhr aus dem Bett hoch und sah, dass sie
gestern Nacht die Vorhänge nicht zugezogen hatte. Das Klingeln des
Telefons ordnete sie immer noch ihrem Traum zu, aus dem sie soeben
gerissen worden war. Bis sie endlich merkte, dass das Läuten von außen
in ihren Traum eingefallen war, sich mit ihm vermischt und sie dann aus
dem Schlaf gerissen hatte. Schlagartig fiel Christine ein, was gestern
passiert war. Sie griff nach dem Hörer und blickte auf den Wecker:
12.30 zeigte er an. “Hallo?” Schwer und leierig hörte Christine ihre
eigene Stimme, als sie abgenommen hatte. “Guten Morgen Christine, hier ist Gesine. Wie geht es dir?” Gesine
Myersberger war die Chefredakteurin von Convention, der Zeitschrift für
die sie arbeitete. Wenn die bei ihr Zuhause anrief – zumal ohne eine
Sekretärin vorzuschalten – musste es einen wichtigen Grund dafür
geben. Gesine Myersberger hatte es erst einmal getan: Als sie Christine
einstellen wollte. “Christine, die Polizei war hier. Wegen einem
Weinhändler, der ermordet worden ist und den du kanntest. Sie haben
mich über die Art deiner Beschäftigung bei uns befragt, über deine
Gewohnheiten und ob uns etwas aufgefallen wäre. Ich habe natürlich Nein gesagt. Was ist los? Ich mache mir Sorgen.” Christine zwang
sich, ruhig und sachlich zu sprechen. “Er war ein guter Freund von mir.
Wir haben ihn entdeckt und die Polizei alarmiert.” “Mein Gott, das ist ja schrecklich. Du Ärmste.” Gesine Myersbergers Stimme klang warm und schwesterlich. “Ich brauche ein paar Tage…” “Selbstverständlich Christine. Nimm dir eine Woche Urlaub, wir werden das schon organisieren.” Aber
es wäre vielleicht ein Fehler, so lange fortzubleiben, überlegte
Christine. Was für ein absurder Gedanke, sich eine Woche Zeit zu
nehmen, um den Tod von Bert Gernsheim zu verkraften. Es würde nichts
besser, aber wahrscheinlich Vieles schlimmer werden. “Donnerstag bin ich spätestens wieder da”, sagte sie. Nach
dem Telefonat ging Christine unter die Dusche, kochte Kaffee und aß
mehr aus Pflichtgefühl denn aus Hunger eine Scheibe Brot. Seit vier
Jahren arbeitete sie für die Frauenzeitschrift Convention. Es handelte
sich um ein Monatsblatt mit den üblichen Rubriken für Mode,
Partnerschaft, Kochen, Gesellschaft, Reisen und Ratgeber, Buch- und
Filmvorstellungen. Launige Glossen, Reportagen über die Situation der
Frauen in den verschiedenen Winkeln der Welt und ein wenig
Berichterstattung über aktuelle politische Themen gehörten zur
Mischung, die alle paar Monate verändert wurde. Marktanalysen und
Leserbefragungen diktierten die Themenauswahl. Christine hatte als
freie Autorin angefangen, aber bereits nach drei Monaten fragte Gesine
Myersberger, ob sie Interesse an einer Anstellung habe. Angesichts
ihrer mageren Auftragslage hatte Christine zugesagt. Ihrem
Spezialgebiet, dem Schreiben über Reiseziele, konnte sie damals nur
noch ab und zu nachgehen, denn sie wurde fast für jede Seite
eingesetzt, wenn Bedarf bestand. Inzwischen betreute sie ein eigenes,
festes Ressort mit dem Titel food and travel. Dort berichtete sie vom
Naherholungsgebiet und seinen kulinarischen Möglichkeiten ebenso, wie
von der Wiener Spitzengastronomie. Es gab allerdings ein Problem:
Christine konnte viele der Orte, über die sie schrieb, nur
oberflächlich oder überhaupt nicht selbst in Augenschein nehmen. Wenn
es in der Redaktionskonferenz hieß: “Thailand ist das Thema im Moment,
Konkurrenzblatt soundso macht eine Thai-Kochschule und sogar meine
Tochter und ihre Freundinnen essen kaum mehr etwas anderes”, blieb
Christine nichts anderes übrig, als sich Informationen per
Archivmaterial, Internetrecherche und Telefon zu besorgen. Um dann
einen stimmungsvollen Artikel zu schreiben, der keine Zweifel darüber
zulassen durfte, dass sie soeben aus der asiatischen Metropole
zurückgekehrt war. Eine gute Informationsquelle war immer Bert
Gernsheim gewesen. Der war fast überall schon hingereist. Wie
versprochen rief Christine bei Erik an. Er meldete sich nicht. Um 13
Uhr schaltete sie den regionalen Radiosender ein, der in seiner
dritten Nachricht über die “Ermordung eines Hamburger Weinhändlers” berichtete. Die Polizei gehe davon aus, dass der Mordfall im
Zusammenhang mit Drogenkriminalität stünde. Kaum zu fassen – Erik hatte
mit seiner Vorhersage recht behalten. War nun Alkohol oder eine andere
Droge gemeint? Ein seltsamer Verdacht der Polizei. Nichts in Gernsheims
Laden ließ auf einen Raub schließen. Die offene Tür deutete darauf hin,
dass er seinen Mörder selbst hereingelassen hatte und womöglich im
Begriff gewesen war, ihm Wein einzuschenken. Jedenfalls standen zwei
leere Gläser auf dem Tisch, die er natürlich auch für Christine und
Erik dort hingestellt haben könnte… Diente die Informationspolitik der
Polizei also nur dazu, sie und Erik in Sicherheit zu wiegen – damit
sie früher oder später einen Fehler machten? Wurde ihr Telefon
abgehört? In diesem Fall sollten sie so schnell wie möglich miteinander
telefonieren. Allein der Klang ihrer Stimmen, so glaubte Christine,
würde ihre Unschuld beweisen.